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Glühbirnen-Propaganda im Dokumentarfilm-Format





Anfang Juni 2012 kam nun auch in Deutschland der österreichische Dokumentarfilm Bulb Fiction in die Kinos. Er spricht sich für die Rücknahme des EU-Glühlampenverbots und gegen Energiesparlampen aus, die in einem detailreichen Rundumschlag als umwelt- und gesundheitsschädlich abqualifiziert werden.
Doch Bulb Fiction ist kein wissenschaftlicher und auch kein journalistischer Dokumentarfilm. Bulb Fiction ist ein politischer Film, der pointiert Position bezieht und den Zuschauer durch geschickte Dramaturgie auf seine Argumentationsschiene zu ziehen versucht. Bulb Fiction ist subjektiv, polemisch und manipulativ. Das österreichische Medieninstitut filmABC spricht gar von „Propaganda für einen guten Zweck“. Heiligt das auch und gerade in diesem Fall die (filmerischen) Mittel? Ist der Zweck „gut“? Was überhaupt ist der Zweck?
Bulb Fiction reklamiert für sich (in fehlerhaftem Deutsch) die Mission, „den Konsumenten zu informieren, mit Wissen zum Thema auszustatten, seine Wachsamkeit zu schärfen, ihn zu mündigem Verhalten zu ermuntern, und um ihn zum Widerstand gegen Fremdbestimmung aufzurufen.“
Alle Achtung – mit weniger „agitatorischem Eifer“ (Financial Times Deutschland) geben sich die Filmemacher nicht zufrieden. Doch wie legitim ist es, (tatsächliche oder vermeintliche) Demokratie-Defizite der EU an (vermeintlichen) Skandal-, Kartell- und Angstgeschichten aufzuhängen?
Es gibt keinen Zwang zur Energiesparlampe
Bereits die Stoßrichtung des Films auf die Energiesparlampe und deren Quecksilbergehalt ignoriert, dass mit LED-Lampen und Halogenlampen weitere vollwertige, stromsparende und quecksilberfreie Alternativen zu konventionellen Glühlampen im Handel sind.
Bei den technischen Aspekten von Energiesparlampen verschweigen die Autoren wider besseres Wissen geflissentlich, dass es Energiesparlampen mit Amalgamtechnik ohne Flüssigquecksilber und Splitterschutz gibt, beispielsweise von MEGAMAN. Sie gewährleisten insbesondere in Haushalten mit Kindern ein Höchstmaß an Sicherheit, was auch das Umweltbundesamt UBA nach Tests ausdrücklich bestätigt hat.
Bulb Fiction legt, was bestimmte politische Entscheidungs- und Verordnungswege in der EU anbelangt, den Finger auf durchaus richtige Stellen. Man kann sehr lange darüber debattieren, ob das Abschaffen bestimmter Produkte das bestmögliche Steuerungsinstrument ist, um Verbraucher zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Es gibt Alternativen, z.B. Lenkungssteuern. MEGAMAN hat sie 2009 anstelle des Glühlampenverbots gefordert. Doch solche pragmatischen Ansätze passen nicht ins Weltbild der Glühbirnen-Aficionados und sie kommen in Bulb Fiction demzufolge nicht vor.
Medial gut geölte Filmvermarktung
Nicht zuletzt ist auch Bulb Fiction nur ein Film und damit ein Unterhaltungsprodukt, das bestimmten dramaturgischen Grundsätzen unterliegt, das zum Erfolg eine gewisse Aktualität und Relevanz benötigt, das bestimmte Zielgruppen anspricht (und andere nicht), das finanziert werden muss, das im Gegenzug Geld einspielen soll und das daher vermarket werden muss wie jedes andere Produkt.
Das Marketing klappt auch recht gut. Nicht wenige Journalisten scheinen das Thema „Wutbürgerfilm gegen Energiesparlampen“ zu mögen. Das belegen nicht zuletzt TV-Berichte, die ohne große Distanz ziemlich unisono das wiederkäuen, was Ihnen die Presseunterlagen und Footage-Filmausschnitte vorlegen (kritische Medienkompetenz ist offensichtlich nicht überall Teil der Volontärausbildung).
Es bleibt daher die eingangs gestellte Frage: Was überhaupt ist der Zweck? Wem nützt der Film Bulb Fiction? Den Glühlampenanhängern? Den professionellen Lichtplanern? Den durch Bulb Fiction verängstigten Verbrauchern? Den wie auch immer gearteten „Wutbürgern“? Der Umwelt und der Gesundheit? Oder gar nur den Filmautoren, dem Produzenten und dem Verleih? Es bleibt der schale Nachgeschmack, dass mit Bulb Fiction das Dokumentarfilm-Format für eine reichlich eigennützige Glühbirnen-Propaganda, wohlfeile Industriefeindlichkeit und einen zeitgeistigen Anti-EU-Affront missbraucht wurde.
Hintergrundwissen
– Auf die vielfältigen inhaltlichen Mängel des Films gehen unabhängige Autoren wie der Physiker Rüdiger Paschotta ausführlich ein.
– In Blogs wurde der Film bereits nach der Österreich-Premiere 2011 kritisch diskutiert.
– Der österreichische Elektroindustrieverband FEEI hat fundierte Kritiken vorgelegt.
– Der deutsche Verband ZVEI fasst in einem „White Paper“ technische Fakten über Energiesparlampen (Kompaktleuchtstofflampen) zusammen.

Kurz-URL: https://www.88energie.de/?p=650256

Erstellt von an 31. Mai 2012. geschrieben in Allgemein. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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