Die Brunft geht los: Aus dem Wald von Gut Klepelshagen in Mecklenburg-Vorpommern dringt bereits das Röhren der Rothirsche. Die jüngeren Hirsche üben noch, ihre Stimmen klingen dünn und zaghaft. Ganz anders hört es sich an, wenn ein alter, etwa zehnjähriger Hirsch, seine Stimme erhebt: „Tief aus dem Brustkorb kommt sein Röhren – bei günstigem Wind vernimmt man ihn kilometerweit“, sagt Katja Selke, Revierjagdmeisterin bei der Deutschen Wildtier Stiftung in Klepelshagen. Der Ruf der Rothirsche ist Teil eines testosterongeladenen Kräftemessens: Das Tier des Jahres 2026 verkündet damit seine Präsenz, beeindruckt Rivalen und lockt vor allem Hirschkühe an. Kommt es zum Kampf zwischen konkurrierenden Männchen, prallen die Tiere frontal mit ihren Geweihen aufeinander und schieben sich, Kopf an Kopf, über den Brunftplatz. Der Kampf endet, sobald einer der beiden seine Unterlegenheit erkennt und die Flucht ergreift.
Auch Elche sind nun paarungswillig. Immer wieder wandern junge Elchbullen auf der Suche nach einer Elchkuh vor allem aus Polen nach Deutschland ein. Europas größte Hirschart zeigt ebenfalls ein starkes Imponierverhalten: Mit den mächtigen Geweihschaufeln schlägt der Riese, der in Schulterhöhe etwa zwei Meter misst, heftig gegen Sträucher und junge Bäume. Kommt es zu einem Kräftemessen, drücken die bis zu 650 Kilogramm schweren Bullen ihre Köpfe so stark gegeneinander, dass die Vorderläufe tief in den Erdboden einsinken. Am wohlsten fühlen sich Elche in naturnahen Wäldern mit Wasserflächen zum Tauchen und Baden an warmen Tagen. Daher ist das Vorkommen in Deutschland auch davon abhängig, ob genügend Gewässer vorhanden sind, in denen sich die großen Pflanzenfresser abkühlen können. Wenige einzelne Tiere leben bereits dauerhaft in Deutschland: „Vielleicht gibt es ja hierzulande in naher Zukunft sogar Elch-Nachwuchs“, so Selke.
Ende Oktober ist die Brunftzeit bei beiden Hirscharten wieder vorbei. Während der Elch auf seiner Brautschau Ländergrenzen ungestört überquert, stößt der Rothirsch hierzulande oft auf unsichtbare Grenzen. Vor allem in den südlichen Bundesländern darf er oft nur innerhalb gesetzlich ausgewiesener Rotwildbezirke leben, da Forst- und Landwirtschaft wirtschaftliche Schäden durch sein Fraßverhalten befürchten. Das Ergebnis so einer rückwärtsgewandten Politik belegte jüngst auch eine Studie der TU München: Die Rothirsch-Vorkommen im Landesinneren Bayerns zeigen bereits deutliche Anzeichen genetischer Verarmung und Inzucht. Eine erfreuliche Entwicklung gibt es dagegen in Baden-Württemberg: Hier dürfen wenigstens männliche Tiere mittlerweile wieder zwischen den Rotwildbezirken wandern und so zum genetischen Austausch beitragen – ein Erfolg, zu dem auch die Deutsche Wildtier Stiftung durch jahrelanges Engagement und in Kooperation mit dem Landesjagdverband Baden-Württemberg beigetragen hat.
Allerdings: Neben den gesetzlichen Vorgaben bremsen auch Autobahnen, Bahntrassen und künstliche Wasserstraßen die Wanderlust der Hirsche aus. Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert deshalb, dass auch in Bayern männliche Hirsche nach dem Vorbild Baden-Württembergs wandern dürfen. Zudem brauchen die Lebensräume des Tieres des Jahres 2026 mehr Grünbrücken für eine bessere Vernetzung. Jagdfreie Korridore und Trittsteinvorkommen zwischen größeren Populationen helfen dabei, den genetischen Austausch wieder zu sichern. Dann trifft vielleicht auch mal ein bayerischer Platzhirsch eine norddeutsche Hirschkuh – sicherlich eine vielversprechende Wahl.
Zum Download: No-Go-Areas für Rothirsche in Deutschlandhttp://ots.de/FoYYd9
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