Tag des Waldes: Wälder und Wirtschaft / SDW-Präsidentin Ursula Heinen-Esser im Interview

Der diesjährige Tag des Waldes steht unter dem Motto „Wälder und Wirtschaft“. Woran denken Sie bei diesen Schlagworten?

Ich denke an die wichtige Funktion des Waldes, die darin besteht, uns Menschen mit verschiedensten Rohstoffen zu versorgen – allem voran natürlich mit Holz. Sehr viele Dinge in unserem Alltag würden uns ohne diese nachwachsenden Rohstoffe nicht zur Verfügung stehen. Die Liste fängt bei so einfachen Gegenständen wie etwa einem Schneidebrett an. Sie ließe sich aber schnell erweitern und würde bis zu interessanten neuartigen Verwendungen reichen, zum Beispiel als Werkstoff im Bausektor. Wenn man sich diese funktionale Vielfalt vor Augen führt, dann wird einem die hohe wirtschaftliche Bedeutung des Waldes schnell klar.

Wie passen das Motto und der Naturschutz zusammen?

Die wirtschaftliche Funktion ist nur eine Funktion des Waldes. Er ist auch Klimaschützer, Lebens- und Erholungsraum sowie Kulturgut. Auch im Wasser- und Bodenschutz spielt der Wald eine wichtige Rolle. Da wir weiterhin Rohstoffe aus dem Wald gewinnen wollen, sollten wir uns dieser Vielfalt an Funktionen und dem damit einhergehenden Wirkgefüge bewusst sein. Der Wald ist ein komplexes Ökosystem und muss vor einer übermäßigen Nutzung geschützt werden. Gleichzeitig vertrete ich die Ansicht, dass eine bewusst nachhaltige Nutzung den Wald schützen und sogar zu dessen positiver Entwicklung beitragen kann. Das bedeutet zum Beispiel: klimastabile Mischwälder fördern, nachhaltig ernten und Produkte möglichst langfristig nutzen. Auf diese Weise wird die Biodiversität in Wäldern erhöht, die Nutzungslast verringert und wir machen sie widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel. Dabei sollen immer auch Naturschutzaspekte integriert werden – darum steckt die integrative Waldbewirtschaftung in der DNA der SDW.

Zum Stichwort „Klimawandel“: Welche Herausforderungen kommen im Wald auf uns zu?

Zunehmende Extremwetterereignisse wie Dürren oder Stürme sind ein Resultat des menschengemachten Klimawandels. Dazu kommen die Begünstigung von Schädlingen und die Ausbreitung von Krankheiten im Wald. Die Klimakrise ist damit sicherlich eine der größten Herausforderungen, der wir uns stellen müssen. Es gibt aber noch andere Bereiche, in denen dringend Handlungsbedarf besteht. In Sachen Wirtschaft sehen wir uns mit schwankenden Holzpreisen, hohen Investitionskosten und bürokratischen Hürden konfrontiert. Zusätzlich machen wir die Erfahrung, dass gerade die Akzeptanz in der Bevölkerung für eine Nutzung des Waldes wichtig ist. Diese müssen wir im Blick haben und mit Öffentlichkeitsarbeit und Bildungsprogrammen über die vielfältigen Funktionen des Waldes aufklären. Gleichzeitig können wir so zeigen, dass eine nachhaltige Bewirtschaftung dem Wald nicht schadet.

Wie können wir als Gesellschaft auf diese Herausforderungen reagieren?

Wir sollten vor allem die naturnahe Waldbewirtschaftung unterstützen, indem wir instabile Monokulturen in standortgerechte Mischwälder umbauen. Dafür braucht es Förderprogramme, Forschung und Expertise aus der Praxis. Hier ist auch die Politik gefragt, denn die gesetzlichen Vorgaben und die Rahmenbedingungen der Förderprogramme müssen so gestaltet werden, dass die nachhaltige Waldbewirtschaftung weiterhin wirtschaftlich tragfähig und für die Waldbesitzenden attraktiv bleibt. Dann ist da noch der große Faktor Bildung. Aktionen wie der „Tag des Waldes“ geben uns die Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die nicht aus der Branche kommen. Für viele ist der Wald ein wichtiges und emotionales Thema. Daher ist es unsere Aufgabe, die Bevölkerung mit ins Boot zu holen und über den Wald aufzuklären. Dazu gehören sowohl ökologische als auch wirtschaftliche Prozesse. Waldpädagogische Angebote von der Kita bis zur Oberstufe sollten weiter ausgebaut werden, damit Kinder und Jugendliche den Wald möglichst früh kennenlernen. Gleichzeitig sollte Ihnen die Möglichkeit gegeben werden, selbst aktiv zu werden. Hier halte ich eine Stärkung der Bürgerbeteiligung für sinnvoll, etwa in Form von gemeinsamen Naturschutzaktionen oder dem direkten Dialog mit der Politik. Nicht zuletzt spielt auch unser Konsumverhalten eine große Rolle: Wir sollten gezielt zu zertifizierten und heimischen Holzprodukten greifen (z.B. PEFC oder FSC) und Kreislaufsysteme in der Wirtschaft fördern. Viele Holzprodukte können auf unterschiedliche Weise über längere Zeiträume genutzt werden.

Welche Rolle spielen dabei die Menschen, die im und mit dem Wald arbeiten?

Kurz: ohne sie geht es nicht. Menschen aus der Praxis spielen eine Schlüsselrolle in der Umsetzung und Vermittlung aller bisher angesprochenen Themen. Forstleute und Waldbesitzende entscheiden täglich über die Pflanzung und Pflege im Wald. Sie sorgen dafür, dass wir zukünftig stabile, artenreiche und klimafitte Mischwälder in Deutschland haben. Sie legen fest, wie stark genutzt oder auch geschützt wird – das ist eine große Verantwortung. Um diese Entscheidungen fundiert treffen zu können, brauchen wir forstliche Forschung und Beratung auf allen Ebenen, aber auch eine direkte Unterstützung für die Akteure. Im Bereich Bildung bauen Waldpädagogen und -pädagoginnen außerdem Brücken zwischen einer naturfernen städtischen Gesellschaft und dem Wald als Ökosystem und Wirtschaftsraum. Nicht zuletzt arbeiten auch wir als ehrenamtlicher Naturschutzverband mit dem Wald, indem wir uns politisch für ihn stark machen, den Waldumbau fördern und Bildungsprojekte umsetzen.

Über die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW):

Am 5. Dezember 1947 wurde die SDW in Bad Honnef gegründet und ist damit einer der ältesten Naturschutzverbände in Deutschland. Heute engagieren sich in den 15 Landesverbänden rund 25.000 Mitglieder aktiv für den Wald. Auch in diesem Jahr sollen anlässlich des Internationalen Tags des Waldes wieder zahlreiche Veranstaltungen auf die große Bedeutung des Ökosystems Wald hinweisen.

Pressekontakt:

Tim Niereisel
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Bundesverband e. V. (SDW)
Kaiserstraße 12 | 53113 Bonn
Tel.: 0228 945984-4
Mail: tim.niereisel@sdw.de

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