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“Umweltziele ad absurdum geführt”





Bürokratische Hürden abbauen und einen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten – das war Ziel der Europäischen Union, als sie im Herbst 2011 das Abfallende für Eisen-, Stahl- und Aluminiumschrotte verkündete. Doch auf die Vorfreude der Recyclingunternehmen und Abnehmer folgte vor allem eins: Enttäuschung. Bernd Ofenloch, verantwortlich für Qualitätsmanagement und Umweltthemen bei der INTERSEROH Rhein-Neckar Rohstoff GmbH, einer Tochter der ALBA Group, erklärt im Interview, warum die EU-Abfallende-Verordnung nicht leistet, was sich der Recyclingdienstleister versprochen hatte.

Die Idee ist reizvoll: Wenn Abfälle bestimmte Kriterien erfüllen, können sie ihren Abfallstatus ablegen – und von Recyclingunternehmen als Produkt verkauft werden. Eine entsprechende Verordnung, so das Kalkül der EU, werde die Akzeptanz von Sekundärrohstoffen deutlich verbessern und zugleich mehr Rechtssicherheit schaffen. Mit der EU-Abfallrahmenrichtlinie 2008 legte die Europäische Union die rechtliche Basis für das so genannte Abfallende. Und entwickelte gemeinsam mit dem Joint Research Centre (JRC) der Europäischen Kommission die entsprechenden Kriterien.

Am 9. Oktober 2011 war es soweit: Die Abfallende-Verordnung für Stahl- und Metallschrotte trat in Kraft. Und an den Regelungen für Papier, Glas und Kupfer wird bereits eifrig gefeilt. Doch so ehrgeizig das Ziel für Metallschrotte war, so ernüchternd ist die Umsetzung – das ist die einhellige Meinung aller Verbände der Metallrecycling-Industrie: Sämtliche von der EU gesteckten Ziele seien verfehlt worden. Die Abfallende-Verordnung helfe weder der Recyclingwirtschaft noch ihren Kunden in den Stahlwerken, Gießereien und Schmelzbetrieben, und auch nicht der Umwelt.

recyclingnews: Herr Ofenloch, die Stahlrecyclingunternehmen sind enttäuscht über die Abfallende-Verordnung. Warum?
Bernd Ofenloch: Die EU-Verordnung enthält sehr viele Kriterien, deren Erfüllung nicht nur schwierig, sondern für einen Großteil der Schrotte unmöglich ist: Nach unseren Berechnungen, die sich mit denen der Verbände decken, gilt das für 85 Prozent der Schrotte. Sprich: Nur 15 Prozent aller Metallschrotte können überhaupt den Produktstatus erlangen. Das ist viel weniger, als wir erwartet bzw. erhofft hatten.

recyclingnews: Warum nur 15 Prozent?
Bernd Ofenloch: Das liegt vor allem an den rechtlichen Voraussetzungen für das Abfallende. Ich greife einmal die wichtigsten für Eisenschrotte heraus: Der Gesamtanteil an Fremdstoffen in Eisenschrotten darf zwei Gewichtsprozent nicht überschreiten. Schon dieses Kriterium ist häufig nicht erfüllbar, denn in den Schrotten finden sich von vornherein zahlreiche Fremdstoffe, beispielsweise Beton, Glas, Holz, Reifen, Erde, Staub, Isolierungen und Schlacke, aber auch Nichteisen-Metalle wie Aluminium oder Kupfer. Außerdem müssen die Schrotte frei sein von übermäßigem Rost und sie dürfen kein Öl enthalten – dazu gehören Öl-Emulsionen, Schmiermittel oder Fette. Es gibt noch viele weitere Punkte, das sind lediglich die “Highlights”.

recyclingnews: Und wenn all diese Kriterien erfüllt sind?
Bernd Ofenloch: Dann ist immer noch eine positive Rückmeldung des Abnehmers erforderlich. Das heißt, er muss unseren Schrott als Produkt annehmen. Wenn er das nicht tut, können wir die Abfallende-Kriterien rückwirkend nicht einhalten – und dann hätten wir gegen das Abfallrecht oder das Chemikalienrecht verstoßen. Im internationalen Export wird das Ganze noch komplizierter: Wenn der Status des Schrotts ungeklärt ist und ein Frachtschiff deshalb ein paar Wochen im Hafen festliegt – da entsteht schnell ein Millionenschaden.

recyclingnews: Wie sehen die EU-Anforderungen zur Überprüfung der Abfallende-Kriterien aus?
Bernd Ofenloch: Auch hier sind die Anforderungen enorm: Zum Beispiel müssen regelmäßig repräsentative Stichproben der Fremdstoffe gewogen und analysiert werden, nachdem sie per Hand oder mit Magneten von Eisen- und Stahlpartikeln getrennt worden sind.

Wir bearbeiten pro Aggregat und Stunde zum Teil 25 Tonnen Schrott und mehr. Bei diesen Massen ist das geforderte Qualitätsmanagement wirtschaftlich nicht sinnvoll umsetzbar.

recyclingnews: Was für einen Effekt hätte dieser Mehraufwand für die Abnehmer?
Bernd Ofenloch: Für die Schrotte, die überhaupt dem Abfallende zugeführt werden können, müssten die Endabnehmer pro Tonne bis zu 100 Euro mehr bezahlen. Ihr Material würde also wesentlich teurer. Darüber hinaus bestreiten die Stahlwerke circa 50 Prozent ihres Materialeinsatzes mit Schrotten, die definitiv nicht den Abfallende-Kriterien entsprechen können. Somit würden sie sich ganze Stoffströme abschneiden und ihre Wettbewerbsfähigkeit verschlechtern.

recyclingnews: Sind Ihre Abnehmer bereit, das in Kauf zu nehmen?
Bernd Ofenloch: Wir haben gemeinsam mit der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen e.V. (BDSV), dem Verband Deutscher Metallhändler e.V (VDM) und dem Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. (BVSE) mit unseren Abnehmern in der Stahl- und Gießereiindustrie gesprochen. Weder bei den Stahlwerken noch bei den Gießereien besteht unter diesen Voraussetzungen ein Interesse an Schrott als Produkt. Aber glücklicherweise ist das Abfallende optional.

recyclingnews: Wie also verfahren Sie jetzt konkret in der ALBA Group?
Bernd Ofenloch: Seit Inkrafttreten der Verordnung verkaufen wir – wie die meisten Mitbewerber – Schrott nach wie vor fast ausschließlich als “Abfall” zur Verwertung. Das wird nach Einschätzung der Branche auch in der nächsten Zeit so weitergehen.

recyclingnews: Und es scheint zu funktionieren …
Bernd Ofenloch: Sehr gut sogar, schließlich ist es für uns aktuell die einzig praktikable Lösung. Zudem sollte man nicht vergessen: Als Recycling- und Umweltdienstleister spart allein die ALBA Group durch ihre Aktivitäten jährlich über 6 Millionen Tonnen CO2 ein im Vergleich zum Einsatz von Primärrohstoffen. Das entspricht knapp einem Prozent der gesamtdeutschen jährlichen CO2-Emission. So einen positiven Effekt sollte man nicht konterkarieren.

recyclingnews: Wenn die Verordnung keinen Nutzen bringt – wieso konnte sie überhaupt verabschiedet werden?
Bernd Ofenloch: Der Grundgedanke war sicherlich positiv: Ressourcenschonung und Stärkung des Recyclinggedankens. Aber auf EU-Ebene mussten für die Verabschiedung der Verordnung schließlich 27 verschiedene Auffassungen unter einen Hut gebracht werden. Und da gilt die alte Bauernregel: Viele Köche verderben den Brei. Denn die Verordnung macht die Schrott-Aufbereitung so teuer, dass Sekundärrohstoffe beinahe teurer sind als Primärrohstoffe. Damit führt man den Recyclinggedanken und den Gedanken der Ressourcenschonung letztlich ad absurdum.

recyclingnews: Was würden Sie sich von der Politik wünschen?
Bernd Ofenloch: Stahlträger, Schienen, Grobbleche und Co. sind kein Teufelszeug, sondern wertvolle Rohstoffe, die zu 100 Prozent unendlich oft recycelt werden können. Unsere Recyclingstandorte in Deutschland genügen im europäischen Kontext höchsten Standards. Dieser Status sollte nicht gefährdet werden, indem man durch überbordende Bürokratie die wirtschaftliche Grundlage verschlechtert. Wir wünschen uns, dass nicht gefährliche Eisen- und Nicht-Eisenschrotte als Sekundärrohstoffe einen besonderen Status erlangen und ähnlich behandelt werden wie Primärrohstoffe. Das würde den Recyclinggedanken stärken und zu einer vermehrten Ressourcenschonung beitragen.

recyclingnews: Ihr Fazit?
Bernd Ofenloch: Die EU-Abfallende-Verordnung ist nur für einen kleinen Teil der Schrotte anwendbar, technisch kaum realisierbar und mit erheblichen wirtschaftlichen Risiken verbunden. Unserer Meinung nach ist das Ziel, den Recyclinggedanken zu stärken, verfehlt worden – stattdessen hat die EU ein bürokratisches Monstrum erschaffen. Um im Jargon zu bleiben: Die Abfallende-Verordnung, wie sie zurzeit besteht, sollte entsorgt werden.

Bitte beachten Sie unser Onlineportal mit Informationen rund um die Themen Rohstoffe und Recycling: www.recyclingnews.info.

Kurz-URL: https://www.88energie.de/?p=646079

Erstellt von an 25. Mai 2012. geschrieben in Allgemein. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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