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Feature: Vorrang für die Umweltpolitik sorgt für Umbau der Investmentindustrie





Mit dem neuen US-Präsidenten Joe Biden gewinnen Umwelt- und Klimapolitik an Gewicht. Weite Teile des Biden-Harris-Programms beschreiben die Pläne für den ökologischen Umbau – in der Energieversorgung, in der Landwirtschaft, aber auch in der gesamten Gesellschaft. Der Effekt wird weltweit zu spüren sein, viel Geld wird benötigt, staatliches wie privates. Für die Finanzindustrie bedeutet das einen tiefgreifenden Umbau – mit Chancen und Risiken für Anleger.

Die USA werden grüner werden, die Demokraten stehen für Klimaschutz und den Ausbau erneuerbarer Energien. „Das eröffnet abseits der ausgetretenen Investmentpfade interessante, risikoarme Anlagechancen für Investoren“, sagt Ivan Mlinaric, Geschäftsführer der Quant.Capital Management GmbH. Vor allem grüne Infrastruktur wird zu einem der wichtigsten Treiber der wirtschaftlichen Erholung weltweit. So rief der Internationale Währungsfonds die Staaten dazu auf, in diesen Bereich zu investieren. Auf diese Weise ließe sich das Wirtschaftswachstum weltweit anschieben. „Der Investitionsbedarf bei grüner Infrastruktur, vor allem bei der Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen, ist gewaltig“, sagt Mlinaric. Um das Klimaziel einer unter zwei Grad Celsius liegenden globalen Erwärmung erreichen zu können, müssen jedes Jahr 3,2 Billionen US-Dollar investiert werden – und das von heute an bis zum Jahr 2050.

Die gesetzlichen Vorgaben scheinen dabei klar: ESG-Kriterien sollen weithin Einzug halten in die Bewertung von Geldanlagen, bei der zusätzlich zu den Faktoren Risiko, Rendite oder Liquidität auch die Bewertung der Nachhaltigkeit einer Anlage kommt. Hier aber ist die Datenlage uneinheitlich: „Noch vor einigen Jahren war es schwierig, überhaupt Daten zu finden“, sagt Sascha Werner, Portfoliomanager bei Moventum AM. „Heute gibt es eine Vielzahl von ESG-Ratings, die allerdings zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen kommen.“ Es sei bereits heute eine Marktbereinigung bei den Anbietern von ESG-Ratings zu sehen und daher möglich, dass sich in einiger Zeit ein Marktstandard herausbilde. „Wahrscheinlicher aber ist, dass sich einige Anbieter am Markt halten werden, wie das auch bei den klassischen Ratingagenturen der Fall ist“, sagt Werner. In diesem Fall wird es notwendig sein, die Fakten und ihre Interpretation zu kennen. Dann lassen sich die Ratings nach einer eigenen Systematik in die persönliche Anlageentscheidung mit einbeziehen.

Auch ohne final festgezurrte Kriterien boomt die Nachfrage nach ESG-Investments. Nach Zahlen des Forums Nachhaltige Geldanlagen flossen 2019 in Deutschland rund 50 Milliarden Euro in nachhaltige Investments. Und in den USA gingen allein in der ersten Jahreshälfte 2020 21 Milliarden US-Dollar in ESG-Fonds. Für David Sheasby, Head of Stewardship and ESG bei Martin Currie, haben zuletzt vor allem soziale Aspekte und Umweltfragen eine tragende Rolle gespielt. „Die ersten Monate der Krise haben bei Anlegern ein noch stärkeres Bewusstsein dafür geschaffen, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter behandeln. Dieser Bereich ist durch das –S– der ESG-Kriterien abgedeckt und bietet Investoren dahingehend Orientierung“, so Sheasby. Auch der Umweltaspekt habe zuletzt wieder an Bedeutung gewonnen. Obwohl es den Anschein haben könnte, als seien Fragen des Klimaschutzes im Zuge der akuten Krise in den Hintergrund geraten, sieht der ESG-Experte auch in diesem Bereich ein gesteigertes Interesse des Marktes: „Insbesondere der Green Deal der Europäischen Union hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass nachhaltige Investments unabhängig von der aktuellen Krise ein bestehender Trend sind“, so Sheasby und verweist darauf, dass auch die europäischen Corona-Hilfen teilweise in nachhaltige Projekte fließen sollen.

Die USA unter Biden könnten dabei eine Beschleunigung bedeuten: „Wir denken, dass eine Biden-Regierung anstreben würde, den Netto-CO2-Ausstoß des US-Energiesektors bis 2035 auf null zu senken. Bis 2050 könnte die Branche komplett klimaneutral werden“, schreibt etwa Western Asset Management. „Um diese Ziele zu erreichen, würde Biden bis zu zwei Billionen US-Dollar in ein Infrastrukturprogramm mit dem Titel Clean Energy Revolution stecken.“

„Für Investoren eröffnet das in den USA, aber auch in Europa viele neue Chancen“, sagt Markus W. Voigt, CEO der aream Group. „Entscheidend für den Investmenterfolg wird das Know-how in der Einschätzung und Bewertung der Modelle sein.“ Erneuerbare Energien sind für Investoren in doppelter Hinsicht ein Gewinn: Die stark steigende Nachfrage nach grünem Strom sorgt für berechenbare Cashflows und es gibt keinen Zweifel, dass die Anlagen Impact aufweisen. „Beim Thema erneuerbare Energie gibt es nur ganz nachhaltig oder gar nicht“, sagt Voigt. Investoren sind auf der Suche nach Investments, die langfristig die sozialen und ökologischen Herausforderungen meistern und gleichzeitig attraktive finanzielle Erträge bieten. „Das gilt umso mehr, da viele der neuen, nachhaltigen Geschäftsmodelle digital gedacht sind – und den Stromverbrauch erst einmal steigern“, sagt Voigt.

Schub bekommen ESG-Anlagen auch durch die wachsende Nachfrage der Privatanleger: „Für unsere Mandanten hat das Thema einen hohen Stellenwert“, sagt Guido Sickmann, Portfoliomanager bei Attentium. „In den allermeisten Gesprächen werden Aspekte der Nachhaltigkeit erwähnt, wird nachgefragt oder auch ganz gezielt eine Anlageentscheidung von der Einhaltung der Kriterien abhängig gemacht.“ Interessanterweise gehört Nachhaltigkeit zu den Themen, die an ihrer eigenen Abschaffung arbeiten. Heute wird noch bei fast jedem Investment das ein oder andere Label „Nachhaltig“ genutzt. Das aber wird in Zukunft überflüssig sein. „Das Ziel ist es ja, dass irgendwann Geld nur noch Unternehmen oder auch Staaten zur Verfügung gestellt wird, die nachhaltig, ökologisch, sozial und mit guter Governance arbeiten“, sagt Sickmann. Umweltschädigende Unternehmen sollen dieser Logik zufolge mangels Kapitalnachschub nach und nach vom Markt verschwinden. Nachhaltigkeit wäre dann als Ziel durchgängig erreicht, eine eigene Kategorie bei Anlagen gar nicht mehr notwendig.

Trotzdem sind noch Hürden zu nehmen, um zu wirklich einheitlichen ESG-Investmentstandards zu kommen. Das fängt bei der Regulierung an, den Vorgaben für nachhaltige oder ESG-konforme Investments. „Nachhaltigkeit wird für die Finanzindustrie zu einem Balanceakt: Auf der einen Seite stehen Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter und KVGen wie kaum eine andere Branche im Fokus der Regulierung. Schließlich soll das verwaltete Geld grüner werden“, sagt Stefanie Kruse, Abteilungsleiterin Compliance, AML & Sustainability bei Hansainvest. „Zum anderen hat sich Nachhaltigkeit von einem Nischen- zu einem Querschnittsthema entwickelt, das nicht eines, sondern viele Rechtsgebiete betrifft. Manches ist schon in feste Form gegossen, manches noch sehr offen oder in einer frühen Phase der Gesetzwerdung.“ Die genaue Umsetzung der ESG-Kriterien wird noch in der Politik diskutiert.

ESG wird zur Selbstverständlichkeit beim Anlegen. Auch die Experten von Western Asset Management sind davon überzeugt, dass der Trend rund um ESG anhalten wird. „Viele internationale Investoren haben ESG längst zum Standard erklärt. Hinzu kommt, dass ESG-Kriterien ein effektives Werkzeug eines ganzheitlichen Investmentprozesses sind und sich zum Wohle der Anleger nutzen lassen“, so die Investmentgesellschaft.

Das gilt auch und verstärkt für Infrastrukturinvestments: „Unabhängig von aktuellen Investitionsplänen der Regierungen sollten Anleger über Investitionen in Infrastruktur nachdenken“, sagt Nick Langley, Mitgründer und Senior Portfolio Manager bei RARE Infrastructure. Allein bei Stromnetzen gehe es weltweit um jährliche Investitionen im Billionen-Bereich. Doch Infrastruktur ist damit kein Selbstläufer. Ein ESG-Ansatz kann langfristig Rendite sichern. „Nachhaltige Infrastruktur ist unabhängig von der aktuellen Diskussion rund um staatliche Investitionen in Infrastruktur ein Wachstumsfeld“, sagt Langley. Infrastruktur werde eine zentrale Rolle beim Erreichen der Klimaziele zukommen. Hinzu kommt, dass große Teile der klassischen Infrastruktur erneuert und erhalten werden müssen. „Im Zuge der Pandemie wird es eher zu Investitionen in kleinere Projekte kommen, die zudem das Ziel verfolgen, die regionale Wirtschaft zu unterstützen. Die langfristigen Treiber für die Infrastruktur sind aber andere, allen voran der Klimawandel und der Wille vieler Regierungen, bis 2050 klimaneutral zu werden“, so Langley.

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Erstellt von an 24. Nov 2020. geschrieben in Umwelttechnologien. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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