Vom Abfall zur CO2-Senke: Kompostsiebüberläufe verwerten, statt teuer zu entsorgen

Christian Schöllner, Standortleiter beim Kommunalunternehmen VIVO in Warngau, und Lukas Wernthaler von ACTANOL Energie im Interview: Optimierte Stoffstromaufbereitung ist der Weg zur Kreislaufwirtschaft und geringeren Entsorgungskosten.

Herr Schöllner, Kompost ist etwas Tolles. Das werden einem Gärtner und Entsorgungsunternehmen bestätigen. Hört man sich aber bei den Entsorgungsunternehmen um, gibt es auch ein Problem mit dem Kompost. Was ist da los?

Christian Schöllner: Also beim ersten Teil Ihrer Frage kann ich Ihnen voll und ganz zustimmen. Kompost ist einfach etwas Wunderbares. Nirgendwo anders lässt sich der Stoffkreislauf besser und unmittelbarer erfahren: Bei uns auf dem Wertstoffhof von VIVO in Warngau kommt der Inhalt der Biotonnen aus unserer Region an und wird hier zu einem hochwertigen Substrat, das die Menschen aus der Region wieder abholen, um darauf Neues anzupflanzen. Der Kompost und auch das Kompostieren selbst, haben nie Probleme bereitet. Die Herausforderung ist der sogenannte Kompostsiebüberlauf.

Für alle, die nicht so tief in der Materie sind: Was ist der Kompostsiebüberlauf?

Christian Schöllner: Wenn wir den reifen Kompost sieben, bleibt immer etwas übrig: Das sind zum Beispiel Steine, Kunststoffe, Folienreste und eben alles Pflanzliche, was nicht verrottet ist. Das landete bei uns bisher alles zusammen in einem Container und wurde teuer in einer Müllverbrennungsanlage entsorgt.

Das ist aus zwei Gründen schlecht: Zum einen widerspricht das unserem Streben nach Nachhaltigkeit und einer Kreislaufwirtschaft. Und zum anderen hat das Auswirkungen auf die Höhe der Abfallgebühren.

Und wie haben Sie das lösen können?

Christian Schöllner: Das ist der Punkt, an dem ACTANOL Energie und deren Erfahrung in der Stoffstromaufbereitung ins Spiel gekommen sind. ACTANOL Energie hat für uns ein Konzept erarbeitet, wie wir den Siebüberlauf weiter aufbereiten und verwerten können – und so einerseits die Kosten senken und andererseits den Stoffkreislauf ein Stück weiter schließen.

Lukas Wernthaler: Der Kompostsiebüberlauf ist eine Mischung aus den unterschiedlichsten Fraktionen. Und einige davon kann man verwerten. Unser Ansatz ist also, den Kompostsiebüberlauf in diese Fraktionen zu trennen und diese separat zu behandeln. Besonders interessant ist dabei die sogenannte holzige Mittelfraktion. Das sind holzige Bestandteile zwischen 5 und 10 Zentimetern Größe. Daraus lassen sich durch Pyrolyse Energie und Pflanzkohle gewinnen. Die erzeugte Energie kann je nach Bedarf als Wärme, Strom, Dampf oder Kälte genutzt werden.

Bei Pyrolyse denkt man eher an Backöfen und Kokereien. Wie funktioniert das Pyrolyse-Verfahren?

Lukas Wernthaler: Im Prinzip ist es das Verfahren, das seit Jahrtausenden zur Herstellung von Holzkohle verwendet wird. Das Ausgangsmaterial, in unserem Fall die holzige Mittelfraktion, wird im Pyrolyse-Reaktor unter Luftabschluss erhitzt. Die flüchtigen Stoffe entweichen dabei als Pyrolysegas, das zum Beheizen des Reaktors und zur Energieerzeugung eingesetzt wird. Übrig bleibt Pflanzenkohle, also relativ reiner Kohlenstoff.

Welchen Vorteil bietet dieses Verfahren gegenüber dem Verbrennen oder dem Verrotten lassen?

Christian Schöllner: Ein unmittelbarer Effekt ist natürlich, dass wir die damit die Abfallmenge und die durch deren Verbrennung anfallenden Kosten senken können. Aus dem Pyrolysegas lassen sich unterschiedliche Energiearten erzeugen und vermarkten. Was aber mindestens genauso wichtig ist, das sind die Aspekte der Kreislaufwirtschaft und des Klimaschutzes durch die gewonnene Pflanzenkohle.

Lukas Wernthaler: Die Pflanzenkohle kann zur Bodenverbesserung eingesetzt werden, weil sie Wasser, Nährstoffe und Mikroorganismen bindet. Und der reine Kohlenstoff der Pflanzenkohle wird im Boden nur sehr langsam abgebaut. Wir sprechen da tatsächlich von Jahrhunderten bis Jahrtausenden. Damit lassen sich der Atmosphäre also erhebliche Mengen an CO2 entziehen und langfristig sicher einlagern. Die CO2-Speicherung ist ein essenzieller Baustein der Klimaneutralität. Und mit der Pyrolyse haben wir ein absolut praxistaugliches und sicheres Verfahren dafür.

Herr Schöllner, wie sind Sie denn auf dieses Konzept und ACTANOL Energie aufmerksam geworden?

Christian Schöllner: Man sollte immer offen sein für Neues und bereit, andere Wege einzuschlagen. Ich denke, das sind wir bei VIVO. Unsere Kompostierungsanlage in Warngau war zum Beispiel die erste dieser Art in Deutschland. Der Kompostsiebüberlauf war dennoch ein Thema. Darin steckt noch so viel Material. Das ist einfach zu schade zum Verbrennen. Für mich war also die Frage: Was kann man damit noch machen? Auf ACTANOL Energie und deren Konzept bin ich schließlich sowohl über die Kommunalpolitik als auch durch eigene Recherchen aufmerksam geworden. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Lösungen. Wir haben recht schnell gemerkt, dass es zwischen VIVO und ACTANOL Energie einfach, wie man hier sagt, „passt“. Und so sind wir schnell in die Konzeption und Umsetzung gegangen.

Einen Pyrolyse-Reaktor stellt man sich ja nicht mal eben auf den Hof. Ab welcher Größe ist so eine Anlage denn rentabel?

Lukas Wernthaler: Die Erfahrung mit unseren bisherigen Anlagen zeigt, dass sich ein Reaktor mit etwa 3.000 Tonnen Material aus dem Kompostsieberlauf im Jahr wirtschaftlich betreiben lässt. Aber diese Zahl ist eigentlich nicht entscheidend.

Sondern?

Die Pyrolyse ist nur der letzte Baustein eines Gesamtkonzepts. Wir als ACTANOL Energie unterstützen Entsorgungsunternehmen in erster Linie dabei, ihr Stoffstrommanagement zu optimieren. Das ist die Basis, um das Maximum an verwertbaren Materialien herauszufiltern, zu verwerten und damit letztendlich die Abfallmenge zu reduzieren. Wenn es sich rechnet, kann man dann eine eigene Pyrolyse-Anlage betreiben. Oder auch diesen Schritt zusammen mit uns gehen. Entweder in Form einer gemeinsamen Projektgesellschaft. An dieser halten ACTANOL Energie und das im Regelfall kommunale Entsorgungsunternehmen die Anteile. Wir kümmern uns unter anderem um die Konzeption und den Betrieb der Anlage. Oder, dass wir die gesamte Verwertung der holzigen Mittelfraktion übernehmen. Auch diese Form schafft eine langfristige Verbindung für mehr Nachhaltigkeit.

Sie bieten Entsorgern also eine Art Rundum-Sorglos-Paket?

Lukas Wernthaler: Eher ein Rundum-Sorglos-Netzwerk, wenn man es denn so nennen will. Wir betreiben mittlerweile eine Reihe von Pyrolyse-Anlagen und weitere werden auf absehbare Zeit dazukommen. Über dieses Netzwerk bieten wir Entsorgern die Möglichkeit ihre Siebüberlaufe nachhaltig verwerten zu lassen, anstatt diese teuer zu entsorgen. Und davon profitieren alle Parteien.

Sehen Sie das, mit Blick auf Ihre Branche, auch so?

Christian Schöllner: Absolut. Und zwar im Hinblick auf die Kosten als auch auf die Nachhaltigkeit. Wenn man sich das Gesamtbild ansieht, stellt man fest, dass die Abfallmengen seit Jahren steigen. Im Hinblick auf die begrenzten Kapazitäten in der Verbrennung und die Kosten für die CO2-Emissionen durch die Verbrennung wird dieser Aspekt in den kommenden Jahren immer relevanter werden. Indem wir eine Fraktion davon anders und sinnvoller verwerten, senkt das die Abfallmenge und mittelfristig auch die Kosten.

Und wir kommen der Kreislaufwirtschaft einen Schritt näher, indem wir aus Abfall etwas von nachhaltigem Wert für unsere Umwelt schaffen. Wir in Warngau wollen zeigen, was machbar ist und so andere Entsorgungsunternehmen ermutigen, das auch zu tun. Ich finde, das Konzept von ACTANOL Energie macht deutlich, welche Chancen im Abfall stecken.

Herr Schöllner, Herr Wernthaler, vielen Dank für dieses Gespräch.

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