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Südlink: Warum Erdverkabelung besser ist für Mensch und Umwelt





Müden/Aller, 17. Februar 2017 – Elektrischer Strom, der mit Windkraft im Norden Deutschlands gewonnen wird, soll im Süden verfügbar sein. Unter der Bezeichnung Südlink ist dazu eine Gleichstromtrasse geplant. Betreiber ist die Tennet GmbH.

Nach zahlreichen Eingaben durch Bürgerinitiativen erfolgte im Juli 2015 der Beschluss, dass Erdkabel Vorrang haben vor Freileitungen. Die nun erforderliche neue Trassenplanung und die technische Ausführung unterstützen Diplom-Ingenieur Claus Rennert und sein Vater Ingo Rennert, Aufsichtsratsvorsitzender der Infranetz AG. Seit mehr als 4 Jahren beschäftigt sich Ingo Rennert mit dem Südlink und den Konsequenzen für Mensch und Umwelt. Er führt Berechnungen durch, arbeitet Dokumentationen aus, hält Vorträge und berät kostenlos Bürgerinitiativen.

Einige von Rennerts Vorschlägen wurden von Tennet bereits übernommen. Weitere Vorschläge zur Trassenführung würden erheblich zum Schutz der Umwelt und zum schnelleren, effizienteren Trassenbau beitragen. Eine Antwort vonseiten des Betreibers Tennet steht aber noch aus.

Im Interview erklärt Ingo Rennert, warum die Erdverkabelung ökologisch und ökonomisch sinnvoller ist als Freileitungen. Und er zeigt auf, warum die Argumente von Bürgerinitiativen nicht fair wahrgenommen werden.

Interview:

Herr Rennert, auch Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass die Vorgaben für die Gleichstromtrassen des Südlinks geändert wurden. Erdverkabelung erhält in Zukunft Vorrang vor Freileitungen. Wie hat Ihre Arbeit zu dieser Gesetzesänderung beigetragen?

„In über 50 Vorträgen vor betroffenen Bürgerinitiativen habe ich unsere minimalinvasive und kostengünstige Infranetz-Vollverkabelung des Südlinks vorgestellt. So könnten in der Nähe von Autobahnen die 40 Tonnen schweren Kabeltrommeln über kurze Wege bodenschonend transportiert werden. Die Trassen wären pro 2 Gigawatt nur 70 cm breit und könnten einseitig oder beidseitig der Autobahnen entstehen. Benötigt werden 2 Kabelgräben zu je 2 Gigawatt.

Den Betroffenen habe ich nahegelegt, sich mit diesem Konzept an ihre Bürgermeister, Landräte und Abgeordneten zu wenden, um politischen Druck in Richtung Vollverkabelung aufzubauen. Parallel dazu haben wir technische Gespräche mit Tennet geführt, Abgeordnete, Landwirte und Landräte informiert und beim Wirtschaftsministerium einen Antrag für einen bürgerfinanzierten Südlink gestellt. Der liegt dort leider wie Blei.“

Welche Argumente haben die Befürworter der Freileitungen?

„Angeblich sollen Freileitungen billiger und schneller sein. Das Gegenteil ist eingetreten. Tennet musste nach drei Jahren komplett von vorn anfangen. Laut einer Studie des Bundesumweltministeriums aus dem Jahr 2011 summieren sich die Kosten für eine dreijährige Verzögerung auf 4,3 Milliarden Euro.“

Was bedeutet jetzt der Vorrang der Erdverkabelung für die Menschen und für die Natur entlang der geplanten Trasse?

„Nach dem Steinkogler Gutachten verlieren Immobilien ca. 30 Prozent an Wert, wenn eine Freileitung in der Nähe installiert wird. Das ist bei der Vollverkabelung nicht zu befürchten. Gleichstromfreileitungen erzeugen stehende ionisierte Raumladungswolken aus elektrisch aufgeladenen Aerosolen und Luftpartikeln aus Dieselruß, Feinstaub, Asbest und Quecksilber und mehr, die mit dem Wind kilometerweit verdriften und Lungenkrebs auslösen können. Selbst die Strahlenschutzkommission warnt vor dieser noch völlig unerprobten Technik und vor möglichen gesundheitlichen Folgen für die Menschen. Mit der Vollverkabelung wird daher ein achtzigjähriger Feldversuch mit der Bevölkerung vermieden.

Freileitungen zerstören Natur und Landschaft auf brutalste Weise – und das dauerhaft. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz sind Freileitungen nicht genehmigungsfähig, wenn es eine zumutbare Alternative gibt. Das hat man letztlich wohl erkannt. Die Vollverkabelung ist eine zumutbare Alternative, unzumutbar sind dagegen Freileitungen.

An deutschen Freileitungen sterben außerdem jetzt schon jedes Jahr 30 Millionen Vögel. Das betrifft 179 teils seltene Arten. Pro Kilometer gibt es im Jahr geschätzte 400 bis 700 Vogelschlagopfer. Für den Südlink wären das jedes Jahr 440.000 zusätzliche Vogelschlagopfer. Über die 80 Jahre Nutzungszeit des Südlinks wären es über 35 Millionen getötete Vögel zusätzlich!“

In Diskussionsrunden begegnen Sie oft „alternativen Fakten“, also falschen Behauptungen, während wissenschaftlich fundierte Gegenbeweise einfach nicht beachtet werden. Nennen Sie uns doch bitte ein oder zwei Beispiele.

„Dr. Karl Severin von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen verunsichert die Landwirte mit der Behauptung, die Manteltemperaturen an Drehstromerdkabeln lägen bei ca. 100 Grad Celsius. Das würde bedeuten, dass über den Kabeln nichts mehr wachsen könnte. Doch dieser Wert ist wissentlich falsch!

Die Temperaturen des Kupferleiters betragen bei Drehstrom maximal 90 Grad Celsius und sinken radial in Richtung Außenmantel um ca. 20 Grad Celsius. Für den Südlink mit Gleichstromkabeln beträgt die Manteltemperatur laut Tennet-Chef Hartmann sogar nur 40 Grad Celsius.

Eine weitere immer wiederkehrende und nachweislich falsche Aussage betrifft die Kosten. Behauptet wird, der Südlink koste durch die Erdverkabelung 10 bis 12 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Das entspricht den Kosten für den Gotthard-Basistunnel. Dieser hat mit zwei Rohren und insgesamt 114 Kilometern Tunnellänge durch Granitgestein (!) 12 Milliarden Euro gekostet, die 9-jährige Verbreiterung des Panamakanals mit einem Aushub von 150 Millionen Kubikmetern Erde und Geröll sogar nur 4,7 Milliarden Euro. Unser Ansatz spart 6 Milliarden Euro gegenüber den aktuellen Plänen von Tennet!“

Sie sagen, dass Gegenmeinungen generell zu wenig gehört werden. Was sollte Ihrer Meinung nach anders gemacht werden?

„Bürgerdialoge laufen in aller Regel so ab: Handverlesene „Experten“ referieren zu den Vorteilen von Freileitungen, verharmlosen die Auswirkungen auf Mensch und Natur, bauschen aber zugleich Bodenerwärmung, Trassenbreiten und Kosten von Erdkabeln auftragsgemäß auf. Dann darf man ein paar Fragen stellen, die aber grundsätzlich nicht protokolliert werden. Nachfragen sind nicht erwünscht. Solche Bürgerdialoge sind Werbeveranstaltungen für Freileitungen. Man sollte Fragen und Antworten wenigstens sauber protokollieren.“

Sie haben im November eine Eingabe an die Tennet GmbH verfasst. Was wollen Sie damit erreichen und haben Sie schon eine Antwort erhalten?

„In erster Linie ging es darum, unseren Standpunkt fristgemäß zu dokumentieren. In zweiter Linie dient die Eingabe der Information von Landräten, Landwirten und Abgeordneten, denen wir unsere Eingabe per E-Mail zugesandt haben. Vonseiten der Tennet haben wir erwartungsgemäß leider noch keine Antwort erhalten.“

Was sind Ihre Ziele für die nähere Zukunft?

„Nach dem 230 kW Wasserkraftwerk an der Okermündung 1989, einem 5 MW Onshore-Windpark bei Cuxhaven 1993 und 4 Offshore-Projekten in der Nordsee mit insgesamt 1.400 MW wollen wir 2017 ein zweites Wasserkraftwerk an der Aller bauen. Die Genehmigung liegt vor. Nebenher konzipieren wir noch die sogenannte Salzburgleitung von Salzburg bis Kaprun in Vollverkabelung für eine österreichische Bürgerinitiative.“

Wie können Sie Bürgerinitiativen, die sich gegen Freileitungen engagieren, unterstützen?

„Es hat sich mittlerweile bis Österreich herumgesprochen, dass ich den Bürgerinitiativen kostenlos Infomaterial erarbeite und Vorträge halte. Da sind auch schon einige Tausend Arbeitsstunden, erhebliche Kosten und jede Menge Fahrtkilometer zusammengekommen.“

Dann können die Bürgerinitiativen also einfach Kontakt zu Ihnen aufnehmen?

„Richtig, allerdings muss ich mich 2017 erst einmal auf das Wasserkraftwerk konzentrieren.“

Die Eingabe von Ingo Rennert an Tennet kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Kurz-URL: https://www.88energie.de/?p=1458026

Erstellt von an 17. Feb 2017. geschrieben in Allgemein, Sonstige. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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