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Nachgefragt: Grüner Strom





ovag-Vertriebsleiter Holger Ruppel im Interview mit gruendrucken (Autor: Gabi Beutelspacher):

gruendrucken: Herr Ruppel, was genau kommt denn bei mir zuhause an, wenn ich bei meinem Versorger „grünen Strom“ kaufe?

Ruppel: Physikalisch unterscheiden sich Ökostrom aus regenerativer Erzeugung und konventionell erzeugter Strom überhaupt nicht. Jeder Stromerzeuger speist seinen Strom in das Stromnetz ein, aus dem alle Kunden versorgt werden. Sie können sich das Stromnetz bildlich als eine Art Trampolinnetz vorstellen, auf dem sich kleine Kügelchen befinden. Dort wo der Strom eingespeist wird, sind Erhebungen, die Senken sind die Verbrauchsstellen. Wie die Kügelchen sucht sich auch der Strom den kürzesten Weg.

gruendrucken: Wie funktionieren die Ökostrommodelle?

Ruppel: Der Grundgedanke des Ökostrommodells ist der Tausch konventionell erzeugten Stroms gegen Ökostrom, also Strom, der aus erneuerbaren Quellen wie Sonne, Wasser oder Wind erzeugt wird. Ziel der Ökostrommodelle ist es, dass die Nachfrage nach „grünem Strom“ dazu führt, dass mehr Anlagen gebaut werden, die Ökostrom erzeugen. Langfristig soll so der Ökostrom den konventionell erzeugten Strom verdrängen. Der Strom, der in die Leitungen der deutschen Verbraucher eingespeist wird, ist der so genannte Deutschlandmix. Daran hat Strom aus regenerativer Erzeugung einen Anteil von 15,8 Prozent (Stand 2008). Wenn mehr Ökostrom eingespeist wird, verändert sich dieser Mix entsprechend.

gruendrucken: Und wie versorgt die ovag ihre Kunden mit Ökostrom?

Ruppel: Im Energiemix der ovag beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien 26,2 Prozent (Stand 2008). Diesen Mix erhalten unsere Stromkunden in den konventionellen Tarifen. Wenn sich nun ein Verbraucher für den Ökostrom-Tarif entscheidet, erhöht er den Bedarf, den wir entsprechend bereitstellen. Die zusätzlich nachgefragte Menge kommt dann nicht aus dem normalen Strommix, sondern von einem Lieferanten, der Strom regenerativ erzeugt. So wird nach und nach der Bedarf an Ökostrom erhöht ; dies übt Druck auf die Bereitstellung aus. Unser zugekaufter Ökostrom kommt aus Wasserkraftwerken der Österreichischen Verbund.AG. Der TÜV-Süd kontrolliert diese Erzeugung regelmäßig. Über diesen Herkunftsnachweis hinaus wird unser Ökostrom-Tarif ovag Natur jährlich geprüft vom TÜV-Nord. So wird sichergestellt, dass die von unseren Ökostrom-Kunden bestellten Mengen auch passgenau bezogen werden.

gruendrucken: Warum kaufen Sie den Ökostrom nicht in Deutschland ein?

Ruppel: In Deutschland sorgt zur Zeit hauptsächlich das EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, dafür, dass weniger konventioneller Strom und mehr Ökostrom ins Netz kommt. Über das EEG wird die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien subventioniert, die Einspeisung vergütet und die Abnahme garantiert. Die Mehrkosten werden auf die gesamten Stromkunden umgelegt. Allerdings verbietet das EEG, diesen Strom doppelt zu vermarkten. Das heißt: Nimmt der Anlagenbetreiber die gesetzliche Subvention in Anspruch, kann der erzeugte Strom nicht mehr auf dem Strommarkt als Ökostrom gekauft werden. Er wird dann von den Übertragungsnetzbetreibern in den Großhandelskreislauf vermarktet und verliert dabei für den Markt sozusagen die Farbe. So wird daraus „grauer Strom“, obwohl er „grün“ erzeugt wurde. In Österreich dagegen wird Ökostrom nicht subventioniert und kann direkt vermarktet werden, deswegen kaufen wir ihn dort.

gruendrucken: Ist es denn dann überhaupt sinnvoll für deutsche Verbraucher, auf Ökostromtarife umzustellen ?

Ruppel: Das ist die Gretchenfrage. Ich halte es trotzdem für den richtigen Weg. Die Subventionierung durch das EEG ist eigentlich als Anschub gedacht. Künftig sieht das EEG auch die Möglichkeit der optionalen Direktvermarktung vor. Das heißt, der Erzeuger kann sich entscheiden, ob er wie bisher die gesetzliche Subvention in Anspruch nehmen möchte oder ob er den Ökostrom auf dem Markt direkt verkauft und sich die Einspeisung nach marktüblichen Preisen vergüten lässt. Bei sinkender Subvention und steigenden Marktpreisen kann sich das rechnen. Außerdem müssen wir über die Grenzen hinaus denken und irgendwo anfangen, der Druck wird immer größer.

gruendrucken: Beim Vergleich der Ökostromtarife in der Zeitschrift Öko-Test schnitt das Angebot „ovag Natur“ nicht besonders gut ab. Wie beurteilen Sie das?

Ruppel: Die richtigen Fragen werden ja nicht gestellt. Zum Beispiel, wieviel Geld in den Neubau von Anlagen zur Nutzung von erneuerbaren Energien fließt. Die ovag-Gruppe investiert jährlich mehrere Millionen Euro in solche Anlagen. In diesem Jahr werden es etwa 15 Millionen. Auch für die kommenden Jahre belaufen sich die Planungen im zweistelligen Millionenbereich. Aktuell haben wir den Windenergiepark Hartmannshain neu repowert – also leistungsschwächere Anlagen durch leistungsstarke Anlagen ersetzt – und bauen eine Biogasanlage in Wölfersheim. In unser altes Wasserkraftwerk in Lißberg haben wir sehr viel Geld gesteckt, sonst wäre es stillgelegt worden.

gruendrucken: Halten Sie es für denkbar, dass Deutschland die Stromversorgung bald komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden kann?

Ruppel: Das geht nicht von heute auf morgen. Das Stromnetz muss so ausgebaut werden, dass der erzeugte Strom auch über größere Entfernungen von A nach B transportiert werden kann. Außerdem liefern Sonne und Wind die Energie nicht gleichmäßig, die Menge schwankt, je nachdem, ob Wind weht oder die Sonne scheint. Um regenerativ erzeugte Energien effizient nutzen zu können, sollen in Zukunft so genannte „smart grids“, also intelligente Netze, die Stromversorgung koordinieren. Es wird flexiblere Tarife geben und Geräte, wie zum Beispiel Waschmaschinen, die sich automatisch dem Stromangebot anpassen.

Kurz-URL: https://www.88energie.de/?p=264819

Erstellt von an 27. Sep 2010. geschrieben in Allgemein, Sonstige. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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