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Eine Landschaft im Umbruch





Das Moor: eine Landschaft voller Gefahren und Geschichten, voller Geister und Gottheiten – und von unschätzbarem Wert für Natur und Mensch. Der machte sich schnell daran, das Moor zu erobern und Torf abzubauen. Der schwarze Stoff ist nicht nur ein gutes Brennmaterial, auch Blumen oder Gemüse profitieren davon. Als Substrat landet der Torf noch heute in vielen Gärten. Etwa vier Prozent der Landesfläche Deutschlands bestehen aus Moorböden, 70 Prozent davon liegen im Norden der Republik. Der überwiegende Teil wird heute landwirtschaftlich genutzt. Bereits im 19. Jahrhundert begann man im Emsland an der deutsch-niederländischen Grenze, die Moore mit Hilfe von Gräben und Drainagen zu entwässern und die Böden zu düngen, um sie landwirtschaftlich zu nutzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Bauern dazu über, mit großem technischen Aufwand das Moor nutzbar zu machen. „Mit riesigen Pflügen wurden quasi Zebrastreifen ins Moor gefräst und der Sand nach oben geholt“, berichtet Tiemeyer, Forschungsgruppenleiterin am Thünen-Institut für Agrarrelevante Klimaforschung in Braunschweig. Die Sandstreifen sollten stützen und entwässern.

Moore als grüne Lunge

Das blieb nicht ohne Folgen. Denn die geheimnisvollen Landschaften des Emslandes sind nicht nur gigantische Wasser-, sondern auch Kohlenstoffspeicher. Während Hochmoore von Regenwasser gespeist werden, ist es in Niedermooren zusätzlich das Grundwasser, das wie ein Konservierungsmittel wirkt. Die hier wachsenden Pflanzen wurden nach ihrem Absterben nicht vollständig zersetzt. „Weltweit ist mehr Kohlenstoff in den Mooren gespeichert als in den Wäldern“, sagt Tiemeyer.

Aus der Biomasse der Pflanzen entsteht mit der Zeit eine Moorfläche. Einen Millimeter wächst das Moor pro Jahr; es kann daher leicht 10.000 Jahre alt sein. Schon häufig gaben spektakuläre Funde von Pflanzen, Gegenständen oder Moorleichen Forschern Aufschluss über die menschliche Vergangenheit. Werden die Moore nun entwässert, sackt der Boden ab. Der gespeicherte Kohlenstoff entweicht als Kohlendioxid in die Atmosphäre. „Das macht in Deutschland aktuell etwa 40 Prozent der Emissionen aus der Landwirtschaft aus“, erklärt Tiemeyer, „gut vier Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen.“

Eine Lösung: die Wiedervernässung. Dabei werden Entwässerungsgräben zugeschüttet, Vernässungspolder und Dämme angelegt. Die Natur kann sich regenerieren, seltene Arten siedeln sich wieder an. Doch die Methode ist nicht unumstritten. Landwirte befürchten den Verlust von Landwirtschaftsflächen. Außerdem entsteht das Treibhausgas Methan. „Die Gesamtemissionen von wiedervernässten Mooren sind dennoch deutlich besser als die von landwirtschaftlich genutzten Standorten“, erläutert Tiemeyer.

Torfabbauende in Sicht

„Das Torfabbauende ist in Niedersachen schon eingeläutet“, sagt Gerhard Wehkamp. Im Emsland rechnet er noch mit fünf bis zehn Jahren Torfabbau, der dann aber flächendeckend zu Ende geht. Tatsächlich sieht das Landes-Raumordnungsprogramm Niedersachsen vor, dass neuer Torfabbau nur sehr bedingt genehmigt wird. Moore sollen „dahingehend entwickelt werden, dass sie ihre natürliche Funktion als Kohlenstoffspeicher wahrnehmen können.“ Torfabbau ist demnach zwar noch möglich, eine nachhaltige, klimaschonende Nutzung steht dabei jedoch an erster Stelle.

Wehkamp bezeichnet sich selbst als „Torfkopp“. Derzeit ist er als Naturparkführer im Naturpark Moor-Veenland im Einsatz, der sich entlang der deutsch-niederländischen Grenze erstreckt. Die zwischen den beiden deutschen Landkreisen Emsland und Grafschaft Bentheim sowie der niederländischen Provinz Drenthe gelegene Landschaft war mit 1.200 Quadratkilometern einst das größte zusammenhängende Moorgebiet Mitteleuropas, das Bourtanger Moor. Heute durchziehen etwa 200 Kilometer Radwege und 17 Kilometer Wanderwege den Naturpark. Naturführer wie Wehkamp bringen den Besuchern die Faszination Moor näher. Vor seiner Tätigkeit als Naturparkführer war Wehkamp jahrzehntelang bei Klasmann-Deilmann tätig, Europas größtem Hersteller von Substraten und Blumenerde mit Sitz in Geeste im Emsland, gleich gegenüber vom Moormuseum.

Jetzt führt Wehkamp Urlauber durchs Moor. Ein besonderes Bild bietet sich im Juni, wenn die Fruchtstände vom Wollgras weiße Tupfen in die Landschaft setzen und im Spätsommer, wenn Erika- und Glockenheide die Moorlandschaft violett einfärben. In Zusammenarbeit mit den Niederlanden entstand im Sommer 2006 der Naturpark Moor-Veenland mit vielen Naturerlebnisstationen. Hier, direkt an der deutsch-niederländischen Grenze, stehen insgesamt 6.500 Hektar unter Naturschutz.

Nachhaltiger Substratersatz Torfmoos

Wie Hersteller wie Klasmann-Deilmann in Zukunft mit weniger Torf auskommen könnten, zeigt ein Projekt zur Torfmooskultivierung, das das Unternehmen zusammen mit dem Thünen-Institut und dem Institut für Umweltplanung der Leibniz Universität Hannover initiiert hat. Dazu muss man wissen: Lebende, frische Torfmoose kommen dem Wunderstoff Torf sehr nahe. Die werden jetzt in einer so genannten Paludikultur in der Nähe von Geeste auf einer teilweise firmeneigenen wiedervernässten Moor-Fläche von zehn Hektar angebaut – als Torfersatz. „Wir untersuchen, wie wirtschaftlich ein Anbau in großem Maßstab wäre, wie hoch die Treibhausgasemissionen sind, ob auf den Flächen Kohlenstoff gespeichert wird und welche Auswirkungen das auf Flora und Fauna hat“, sagt Tiemeyer. Vielleicht zeigt so das Emsland einen wegweisenden Weg, wie Moore weiterhin beides sein können: Klimaschützer und Wirtschaftsfaktor. Und außerdem ein ideales Refugium für ruhesuchende Urlauber.

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Erstellt von an 12. Jul 2017. geschrieben in Allgemein. Sie können allen Kommentaren zu diesem Artikel folgen unter RSS 2.0. Sie können einen Kommentar schreiben oder einen trackback setzen zu diesem Artikel

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